Preludia - Unofficial website for Rafal Blechacz

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Jan 1, 2007

Die Zeit No.12, March 15, 2012


Früh vollendet
Der Pianist Rafal Blechacz kann mehr als großartig Chopin spielen
Von Wolfram Goertz

Ein Volk im Ausnahmezustand.  Die Zeitungen überschlagen sich.  In seiner Heimatstadt wird geflaggt, denn der junge Mann hat die Krone Zurückgeholt.  Lange galt sie verloren an Virtuosen, an Meister des Raffinements, an Schlachtrossflüsterer und Sinneszauberer.  Jetzt aber klingt Musik auf einmal wieder pur, gänzlich authentisch, die Botschaft der Musik, die da erklingt, kommt aus ihrem Innersten, und manchem scheint es, dass Chopin selbst zum Publikum spricht - hell, lebhaft, fesselnd und doch melancholisch bis ins Mark.
     Im Jahr 2005 gewann der junge polnische Pianist Rafal Blechacz den Warschauer Chopin-Wettbewerb eine Konkurrenz, in deren Verlauf auch Hausmeister in Krakau, Arbeitslose in Lodz und Hostessen in Warschau neugierig auf den Ausgang werden.  Schließlich geht es um ein patriotisches Erbe und um den größten Komponisten, den das Land Hervorgebracht hat.  Blechacz‘ großer Landsmann Krystian Zimerman hatte den Chopin-Wettbewerb dreißig Jahre zuvor gewonnen, seitdem siegten Kandidaten aus aller Herren Länder.  Blechacz nun schlug seine Gegner nicht einfach nur, indem er die Jury auf seine Seite brachte: Sie wurde beinahe zu seiner Gemeinde.  Sie verlieh ihm den ersten Preis und sämtliche vier Spezial-preise, und wie zur Demütigung des gesamten Teilnehmerfeldes vergab sie keinen zweiten Preis.  Auffalliger, eindeutiger, gewaltsamer lassen sich Unterschied und Abstand nicht darstellen.  Ktzstian zimerman rief sogleich an, um zu gratulieren, und als sich die beiden Pianisten erstmals trafen, stand am Anfang eine Umarmung.
     Seitdem ist Blechacz oft in seiner Hauptrolle als Chopins jüngster Testamentsvollsrecker tätig geworden.  Er hat mehrere Kontinente erobert, ein solcher Sieg ist ein Katapult, das einen hoch fliegen lässt.  Trotzdem hat der junge Mann sich erstaunliche Bodenhaftung bewahrt, hat seine Herkunft, die Bescheidenheit, nie aus den Augen verloren.  Manche Kritiker preisen jetzt schon Blechacz‘ Diskretion, seine klassizistische Gesinnung.  Aber akademisch beruhigt ist der jetzt 26-Jährige keineswegs.  In Wirklichkeit ist er – und das ist das Spektakuläre – ein unerhörter Szstematiker.
     Nach dem Sieg in Warschau nahm ihn die Deutsche Grammophon unter Vertrag, der er zunächst eine sensationelle Aufnahme von Chopins Preludes spendierte.  Dann legte er mit Sonaten der Wiener Klassik nach, nahm sodann die beiden Chopin – Konzerte mit dem Concertgebouw Orchestra Amsterdam auf, wofür er den Jahrespreis der Deutschen Schallplatten-kritik bekam – und jetzt hat er Klavierwerke von Claude Debussy und Karol Szymanowski eingespielt.  So betreibt der Pianist die Ausweitung der Kampfzone.
     Für den Chopin-Wettbewerb hatte Blechacz, der Junge aus dem oberschlesischen Dorf Nakel, nicht sonderlich trainiert.  Er erschien ihm eher wie eine Mautstation, die man notwendigerweise auf dem Weg zum Solistendasein passieren muss.  Mit seiner Lehrerin Katarzyna Popowa-Zydron hatte er die Wettbewerbsstücke gewissenhaft präpariert, aber seine zukunft nicht von einem Preis abhängig gemacht.  2005 steckte er noch mitten im Studium, und die öffentliche Kür zu einem der besten Nachwuchspianisten der Welt hatte für ihn anfangs etwas Irreales.  Es spricht sehr für seine Erdung, dass Blechacz nicht größenwahnsinnig wurde.
     Von den ersten größeren Honoraren Kaufte er sich und seiner Familie (Vater, Mutter und Schwester) ein schönes Haus auf dem Land, wo er heute noch lebt und arbeitet, beschränkt die Zahl der Konzerte pro Jahr auf maximal 40 und weigert sich hartnäckig, innerhalb Europas allzu oft im Flugzeug zu sitzen.  Die Reisen zu den Konzertorten bewältigt er gemeinsam mit seinem Vater im Auto – und spätestens jetzt werden die Parallelen zu Krystian Zimerman sehr offenkundig.  Den ruft er manchmal aus Verbundenheit an, und dann sagt Zimerman lakonisch: >>Ich stehe hier gerade 25 Kilometer vor Madrid im Stau.<<Zimerma reist ebenfalls im Auto zu allen Konzerten und transportiert stets seinen eigenen Flügel im Anhänger.  So weit in der Idiosynkrasie ist Blechacz noch nicht.  Einstweilen fügt er sich artig in den Betrieb, akzeptiert die Instrumente vor Ort und vertritt seine Rolle als Chopinist.
     Wer bei Blechacz genau hinhört, erkennt eine singuläre Begabung, die sich genaueste Gedanken über den Klang macht.  Schon auf der CD mit den Chopin-Preludes war das aufgefallen.  Sein Spiel hat etwas früh vollendet Distinguiertes, eine fast unheimliche Genauigkeit des Erzählens.  Im keinem Takt ist Blechacz ein Salonkuschler oder ein geschmeidiger Lieferant jener Poesie, die tief in Gefühl getränkt ist.  Vielmehr Herrscht da eine wunderbare Deutlichkeit, eine fliegende Transparenz, als fahre ein Computertomograf mit rasender Geschwindigkeit um die Musik herum und taste sie auf ihr Relief und ihre inneren Strukturen ab.  Durch die Sechzehntelkurven in der linken Hand des G-Dur-Prelude ist kaum jemals zuvor ein Pianist so unwattiert, so brillant und pedalfrei geeilt wie Blechacz.  Selbst Artur Rubinstein oder Martha Argerich spielen das rauschender, pompöser.  Blechacz erfüllt durch sein flammendklares Piano.  Anderswo had man das Gefühl, hier verstehe ein junger Pianist bereits tiefste Geheimnisse.  Wie er im düsteren cis-moll-Mittelteil des berüchtigten Regentropfen-Prelude (das er gänzlich unmanieriert und zügig vorträgt) eine Mittelstimmen-Melodie abtönt, von der man eidesstattlich erklären möchte, dass sie in dem Stück nicht vorkommt – das ist Klavierspiel der Sonderklasse.  Und aus dem wiederholten tiefen As im Schlussteil des As-Dur-Prelude macht er einen regelmäßig in die unverdächtige Lyrik hallenden Gong aus einer anderen Welt; und der Hörer wundert sich, wieso das so schön und geistvoll noch kein anderer gespielt hat.
     Die aktuelle Debussy Szymanowski-Platte wehrt vollends den Verdacht ab, in Blechacz wachse nur ein trefflicher Spezialist für die Romantik heran.  Klugerweise hat der junge Pole auf die bekannten Zyklen verzichtet und bietet stattdessen Pour le Piano und die Estampes, und abermals frappieren pianistische Lesarten, die fast auf den Grund der Stücke schauen.  Wie er die wiegende Habanera in La soiree dans Grenade plötzlich härtet und in den kühl anklopfenden Akkordketten eine drängende Bitterkeit zum Vorschein bringt, das ist mehr als Impressionismus, mehr als raffinierte Nebligkeit.  Blechacz zeigt uns Debussy als Romancier, dessen Nuancen mit dem Bleistift koloriert wurden.  Für ihn ist der Franzose ein Klassiker, keinh Aquarellist.
     Rafal Blechacz umgibt sich nicht mit Allüre, er ist immer noch das behütete Kind anständiger Leute, das allerdings langsam mit dem Image des Ausnahmepianisten zurechtkommen muss.In Interviews hüllt er sich in Zurückhaltung und gibt Allgemeinplätze von sich.  Wer aber Szymanowskis wahnwitzige, expressive frühe c-moll-Sonate so existenziell spielt, ist kein Leisetreter, sondern dringt bereits in die Ausdruckszonen der Moderne vor.  Natürlich ist der Pole Szymanowski ein lieber Landsmann, aber das Patriotische interessiert Blechacz weniger: Es ist für ihn einfach faszinierende Musik, und so spielt er sie auch.  Einstweilen muss er freilich viel Chopin spielen.  Das ist der Fluch des großen Preises.


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